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Dokumentation des 1. IQ Praxistags Pflege

"In der Realität ankommen. Mit Personalentwicklung und Integrationsmanagement Fachkräfte für die Pflege gewinnen"

Praxisnah, wissenschaftlich und persönlich. Der Auftakt der Veranstaltungsreihe „IQ Praxistage Pflege“ zur Integration ausländischer Pflegefachkräfte in Hessen am 22. November 2017 beleuchtete die Anwerbung von Pflegefachkräften aus unterschiedlichen Perspektiven - ein Ansatz, mit dem den vielschichtigen Aspekten des Integrationsprozesses von Pflegefachkräften Rechnung getragen werden sollte.

Regina Wiegand und Lukas Wozniok von der Koordination des IQ Netzwerk Hessen begrüßten die rund 50 Teilnehmenden in den Räumlichkeiten der Frankfurt University of Applied Sciences.

Personalverantwortliche von Kliniken, Einrichtungsleitende von Seniorenheimen ebenso wie Pflegedienstleistende und Pflegewissenschaftler/-innen waren gekommen, um Anregungen und Erkenntnisse für die eigene Praxis zu gewinnen und miteinander in Austausch zu treten. Juliane Firlus von der Koordination des IQ Netzwerks Hessen führte als Moderatorin durch die Veranstaltung.

„Am Anfang jedes Integrationsprozesses steht die Schaffung eines Bewusstseins für Integration und der dazugehörigen Strukturen in den Einrichtungen.“ (Lukas Wozniok, Koordination IQ Netzwerk Hessen / INBAS GmbH)

Vor dem Hintergrund der häufig überstürzten Anwerbung ausländischer Fachkräfte ohne nachhaltiges Integrationskonzept entschied sich das IQ Netzwerk Hessen für eine thematische Zuspitzung des 1. IQ Praxistags Pflege. „In der Realität ankommen. Mit Personalentwicklung und Integrationsmanagement Fachkräfte für die Pflege gewinnen“ lautete das Motto der Veranstaltung und diente zugleich als Appell:

Die Integration in die Kliniken und Einrichtungen der Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege darf nicht alleine in der Verantwortung der neuen Mitarbeitenden liegen. Stattdessen bedarf es eines Bewusstseins für Integration sowie der Schaffung dazugehöriger Strukturen in den Häusern. Dieser Appell wurde durch die eingeladenen Akteure bestätigt.

Fachvortrag „Betriebliche Herausforderungen der Integration ausländischer Pflegefachkräfte“

Einen Einstieg in die Thematik lieferte der Fachvortrag von Dr. Grit Braeseke. Die Bereichsleiterin Pflege bei der IGES Institut GmbH in Berlin referierte zum Thema „Betriebliche Herausforderungen der Integration ausländischer Pflegekräfte“. Dabei ging sie auf die internationale Situation im Gesundheitswesen und den globalen Fachkräftemangel in der Pflege ein und leitete Erkenntnisse für die Situation in Deutschland ab

Wie eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung ergab, nutzten 2015 nur 16 % der Einrichtungen in der Pflegebranche die Rekrutierung im Ausland als Strategie gegen Fachkräfteengpässe.1 Die Schlussfolgerung Braesekes: „Offenbar sind noch inländische Potenziale vorhanden und die internationale Rekrutierung wird als aufwendig und teuer eingeschätzt."

Im Anschluss stellte die Wirtschaftswissenschaftlerin mehrere Initiativen aus der Pflegebranche vor und formulierte Chancen und Herausforderungen der Beschäftigung internationaler Fachkräfte. Ihr Appell: „Kulturelle Aspekte müssen stärker in die Pflegeausbildung integriert werden. Kultursensible Aspekte sind kein abtrennbares, zusätzliches Fach. Bestehende Curricula müssten überprüft werden.“

1 Vgl. Bonin, Holger / Grit Braeseke / Angelika Ganserer (2015): : Internationale Fachkräfterekrutierung in der deutschen Pflegebranche. Chancen und Hemmnisse aus Sicht der Einrichtungen; Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung, S. 40

Präsentationsfolien des Fachvortrags (PDF 813 KB)

 

 

Praxisbeispiel - AGAPLESION Elisabethenstift Darmstadt

Einen praxisnahen Einblick in das Integrationsmanagement des AGAPLESION Elisabethenstift Darmstadt bot der Vortrag von Anja Bopp, stellvertretender Pflegedirektorin, und Felix Vacek, Integrationskoordinator und Assistenz der Pflegedirektion.

Am Beispiel der Rekrutierungserfahrung des AGAPLESION Elisabethenstift Darmstadt zeichnete Anja Bopp die Entwicklung des Integrationskonzepts des Krankenhauses nach: von ersten Rekrutierungsversuchen über einen Headhunter bis hin zur eigenen Anwerbung ausländischer Pflegekräfte und der Einrichtung einer Integrationskoordination im Haus.

Felix Vacek, dem die Rolle des Integrationskoordinators seit Oktober 2017 zukommt, benannte Erfolgsfaktoren, um aus dem Ausland angeworbene Mitarbeitende langfristig zu halten. Eine Kernbotschaft: „Ein Integrationskonzept in der Pflege muss von der Geschäftsführung getragen werden. Eine Integrationskultur muss im ganzen Haus geschaffen werden. Es ist wichtig, alle abzuholen.“ Dass die Anwerbung ausländischer Pflegefachkräfte jedoch nur ein Standbein sein kann, um Fachkräfteengpässe auszugleichen, macht Anja Bopp zum Ende des Vortrags deutlich.

 

 

Podiumsdiskussion

Wo liegen mögliche Stolpersteine bei der Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte? Welche Erfahrungen machen andere Kliniken mit der Fachkräfteanwerbung? Was bewegt gewonnene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Ausland zum Bleiben in den Einrichtungen?

Diese und weitere Fragen standen im Zentrum einer Podiumsdiskussion zum Thema „Fachkräftegewinnung – der hohe Preis schneller Lösungen?!“

 

 

Infokasten: Podiumsteilnehmende

  • Maja Bernhardt (Projektleiterin von „Triple Win“, einem Projekt der Bundesagentur für Arbeit und der GIZ zur Gewinnung qualifizierter Pflegefachkräfte aus dem Ausland)
  • Dr. Grit Braeseke (IGES Institut GmbH, Berlin)
  • Anja Bopp und Felix Vacek (AGAPLESION Elisabethenstift Darmstadt)
  • Karsten Preissler (Pflegedienstdirektor der Kliniken des Main-Taunus-Kreises)
  • Renata Stokanovic (Pflegefachkraft; Ehemalige Teilnehmerin von „Triple Win“)

Statements aus der Podiumsdiskussion

Wir haben einzelne Stimmen und zentrale Aussagen aus der Podiumsdiskussion für Sie zusammengefasst:

Maja Bernhardt zu den Möglichkeiten und Grenzen des Projekts und Stolpersteinen bei der Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte:

  • „Triple Win berät und begleitet Arbeitgeber zur Gewinnung von Pflegefachkräften aus dem Ausland. Wir beraten die Arbeitgeber in Deutschland und sagen ihnen, was sie beachten müssen, zum Beispiel in Bezug auf die Anerkennung, die Umschreibung des Führerscheins usw. Die Arbeit und Integration muss aber in den Kliniken bzw. im Seniorenheim passieren.“
  • „Die Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland muss eine Managemententscheidung sein. Es bedarf einer gemeinsamen Vision für das Thema und die Stammbelegschaft muss informiert werden.“

Renata Stokanovic, Pflegefachkraft aus Bosnien-Herzegowina und ehemalige „Triple Win“-Teilnehmerin zum Anwerbeprozess und den Hürden nach der Ankunft in Deutschland:

  • „Eine große Hürde [nach meiner Ankunft in Deutschland] war die Sprache. Ich habe viel verstanden, konnte aber keine Worte finden. Durch das Krankenhaus habe ich Unterstützung bekommen und sechs Monate einen Sprachkurs für die Anerkennung gemacht.“
  • „In Bosnien gehörte es nicht zu meinen Aufgaben als Pflegefachkraft, Patienten zu waschen. In Deutschland wurde mir das in einem vorbereitenden Seminar vorgestellt. Das war total unbekannt.“
  • „Damit ich meine Kinder nach Deutschland holen konnte, brauchte ich eine Wohnung. Das war mit meinem Lohn schwierig. Das Krankenhaus hat mir eine Wohnung vermittelt.“

Karsten Preissler über die Erfahrungen der Kliniken des MTK mit der Anwerbung ausländischer Fachkräfte sowie Wege, bereits beschäftigte Pflegekräfte langfristig zum Bleiben zu bewegen:

  • „Die Integration von Pflegekräften aus dem Ausland beginnt nicht erst im Haus. Man kann sie vorher begleiten und Wege ebnen. Aber es muss eine Willkommenskultur in den Einrichtungen etabliert werden. Das muss man wollen, kann man aber nicht befehlen.“
  • „Pflegefachkräfte aus anderen Ländern sind keine Anfänger, sondern Profis, die in einem anderen Kontext tätig werden müssen.“

Wie groß das Interesse an den Praxiserfahrungen der Podiumsteilnehmenden sowie der Informationsbedarf zum Thema Integration ausländischer Pflegekräfte in Hessen war und ist, zeigten die zahlreichen Fragen aus dem Publikum:

Stellt eine verkürzte Pflegeausbildung eine Alternative zur Anerkennung dar? Wie ist die Kenntnisprüfung im Vergleich zum Anpassungslehrgang zu bewerten? Welche Möglichkeiten gibt es, den Pflegeberuf für Migrantinnen und Migranten attraktiver zu machen und ein besseres Bild der pflegerischen Berufspraxis in Deutschland zu vermitteln?

Für diese und weitere Fragen bot der 1. IQ Praxistag Pflege eine Austausch- und Diskussionsplattform.

Stimmen zum 1. Praxistag Pflege des IQ Netzwerks Hessen

  • Sehr spannender, abwechslungsreicher und diskussionsreicher Fachtag, bei dem die Herausforderungen und Chancen zu Beginn eines Integrationsprozesses deutlich wurden.
  • Sehr informativ und lebhafter Austausch. Dankeschön!
  • Ein spannender Einblick in die Praxis. Ich freue mich auf die Folgetermine in 2018.
  • Wichtiger Einstieg in die Thematik.
  • Der Fachtag war sehr interessant und lebhaft. Ich konnte für mein Institut vieles mitnehmen, speziell das Praxisbeispiel und gute Kontakte knüpfen.
  • Fachkräftegewinnung kann ein Mehrwert für alle Beteiligten darstellen. Vor allem die Integration und Bereitschaft zur Zusammenarbeit sind hierfür zentrale Punkte.

Ausblick auf weitere Veranstaltungen der IQ Praxistage Pflege

Um den Integrationsprozess ausländischer Pflegefachkräfte in Hessen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten, ist es erforderlich, sich der Thematik auf Makro- und Mikroebene zu nähern.

2. IQ Praxistag Pflege am 21.03.2018

Zur Ausübung und Aufnahme ihres Berufs in Deutschland müssen Pflegekräfte verschiedene Voraussetzungen erfüllen. Der Prozess der Anerkennung ausländischer Pflegeabschlüsse sowie das Erlernen von Fach- und Alltagssprache als Meilensteine der Arbeitsmarktintegration stehen daher im Zentrum des 2. IQ Praxistags Pflege am 21. März 2018.

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3. IQ Praxistag Pflege am 20.06.2018

Der dritte und letzte Teil der Veranstaltungsreihe, der 3. IQ Praxistag Pflege, am 20. Juni 2018 widmet sich schließlich der Integration von Pflegefachkräften in multikulturelle Arbeitsteams. Die personellen Strukturen in Pflegeeinrichtungen sind durch Anwerbung und Zuwanderung zunehmend multikulturell geprägt. Die sich daraus ergebende fachliche und kulturelle Vielfalt bietet Chancen, kann aber auch Missverständnisse im Pflegeteam verursachen. Wie lässt sich eine von allen gelebte Willkommens- und Integrationskultur auf Station etablieren? Hierzu sollen aktuelle Forschungsergebnisse und Erfahrungswerte präsentiert und diskutiert werden.

Weitere Informationen zu den beiden Veranstaltungen finden Sie demnächst auf www.hessen.netzwerk-iq.de 

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