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Dokumentation des 3. IQ Praxistags Pflege

Integration von Pflegefachkräften in multikulturelle Arbeitsteams

Beim 3. IQ Praxistag Pflege am 20. Juni 2018 drehte sich alles um die Integration ausländischer Pflegefachkräfte in multikulturelle Arbeitsteams. Welche Dynamiken wirken in multikulturellen Teams? Wie kann eine Willkommens- und Integrationskultur in Einrichtungen der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Altenpflege geschaffen werden, die Bedarfe und Bedürfnisse aller Mitarbeitenden berücksichtigt? Welche Chancen und Herausforderungen gehen mit der fachlichen und kulturellen Vielfalt in Pflegeteams einher?

Diese und weitere Fragen wurden am 20. Juni in den Räumlichkeiten der Frankfurt University of Applied Sciences erörtert, anschaulich dargestellt und mit den anwesenden Akteurinnen und Akteuren aus Pflege und Wissenschaft diskutiert.

Projektvorstellung: „Multikulturellen Pflegeteams interaktiv begegnen“

Wie funktionieren multikulturelle Pflegeteams? Dieser Frage widmete sich Dr. Maya Stagge, Koordinatorin für Altenpflege / Gesundheitswesen bei der F+U Rhein-Main-Neckar gGmbH, in einem Fachvortrag.

Sie erläuterte, welche Dynamiken in multikulturellen Teams wirken und vor welchen Herausforderungen diese stehen. Dabei verwies sie auf Kommunikationsschwierigkeiten, aber auch auf Unsicherheiten, die hinsichtlich des Pflegeverständnisses, der Pflegekultur sowie unterschiedlicher Rollenverständnisse auf beiden Seiten auftreten und in der Folge zu Missverständnissen und Stereotypisierungen führen können.

Im Rahmen ihrer Dissertation kam die Diplom-Gerontologin zu dem Ergebnis, dass allerdings „,…ad hoc andere Herausforderungen im Team problematisiert werden wie strukturelle Schwierigkeiten, Konflikte zwischen Hilfs- und Fachkräften oder mit der Leitung“. Das Teamgeschehen werde „entkulturalisiert“, wobei Entkulturalisierung laut Maya Stagge nicht bedeutet „dass es gar keine Kultur in den Teams gibt, sondern vielmehr, dass es eine vorherrschende, scheinbar sehr strikte (deutsche) (Organisations-)kultur gibt, die „kaum andere kulturelle Ströme zulässt.“1

Dabei bedienten sich die Teams zweier Strategien: Neue Mitarbeitende machten sich eine „Anpassungsstrategie“ zunutze und erklärten Kultur zur „Privatsache“. Bestehende Teams versuchten kulturellen Unterschieden mit einer „Gleichbehandlungsstrategie“ zu begegnen und dadurch kulturelle Besonderheiten im Teamgeschehen auszublenden. Dabei gehe die Anpassungsstrategie der Gleichbehandlungsstrategie voraus.

Daran anknüpfend richtete Dr. Stagge einen Appell an Leitungskräfte in der Pflege: Um die Versorgungsqualität in den Einrichtungen langfristig sicherzustellen, müsse ein Bewusstsein auf allen Ebenen für die kulturell diversen Strukturen von Teams und damit einhergehenden Herausforderungen geschaffen werden. Vermeidungsstrategien, wie die Entkulturalisierung, könnten langfristig unter den Bedingungen des demografischen Wandels, der knappen personalen Ressourcen und der steigenden Diversität der Gesellschaft nicht Erfolg versprechend sein.

„Wegen hoher Arbeitsanforderungen und stark reglementierter Arbeitsabläufe findet keine Auseinandersetzung mit der kulturell diversen Struktur in Pflegeteams und den daraus resultierenden Herausforderungen statt. Vermeidungsstrategien, wie die Entkulturalisierung, neutralisieren kulturelle Unterschiede und wirken so gegen Überforderung und als Machtstrategie.“2 (Dr. Maya Stagge)

1 Stagge, Maya (2016): Multikulturelle Teams in der Altenpflege. Eine qualitative Studie. Wiesbaden: Fachmedien Springer, S. 216
2 Die Erkenntnisse basieren auf den Ergebnissen der Dissertation von Dr. Maya Stagge.

Projektvorstellung: Konzept zur Etablierung einer transkulturellen Willkommenskultur im stationären Setting

Einen praktischen Einblick in das Qualifizierungskonzept von „TransCareKult – Anerkennung Neu Denken“ gaben Christina Gold und Katja Kraus vom Hessischen Institut für Pflegeforschung (HessIP).

Das HessIP entwickelte im Rahmen des IQ Netzwerks Hessen ein Konzept zur Etablierung einer transkulturellen Willkommens- und Anerkennungskultur in stationären Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen. Dieses findet in Form von Schulungen und Fortbildungen hessenweit Umsetzung und orientiert sich an den Bedürfnissen und Bedarfen der Teilnehmenden - Pflegefachpersonen mit und ohne Migrationshintergrund, Mitarbeitende mit Leitungsverantwortung, Pflegepädagoginnen und -pädagogen, Praxisanleiterinnen und -anleiter sowie Auszubildende in der Pflege.

Um den Anwesenden einen Eindruck der Workshops und Fortbildungen zu vermitteln und sie für Förderfaktoren und Barrieren im Rahmen einer Willkommenskultur zu sensibilisieren, wurde der Vortrag durch szenische Darstellungen des Freien Theaters Fulda ergänzt. So konnte ein eindrückliches Bild des Arbeitsalltags in stationären Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen gezeichnet werden.

„Auf den Stationen zeigen sich unterschiedliche Bedarfe und Erwartungen von zugewanderten Pflegekräften und langjährig Mitarbeitenden, z.B. mit Blick auf Einarbeitung und Teamkultur. Maßgeblich für einen gelingenden Integrationsprozess ist die gegenseitige fachliche, insbesondere aber persönliche Wertschätzung und Anerkennung innerhalb des Pflegeteams basierend auf einer transkulturellen Willkommens- und Anerkennungskultur.“ (Katja Kraus)

Qualifizierungsbausteine von "TransCareKult - Anerkennung neu denken"

Baustein "Sich solidarisch erklären"

Das Qualifizierungsmodul zielt darauf ab, die Bedeutung von Solidarität im Pflegeteam zu verdeutlichen und die Teilnehmenden zu sensibilisieren, sich miteinander solidarisch zu erklären und füreinander einzustehen. Die dadurch erworbenen sozialen Kompetenzen können Grundlage für eine konstruktive Konfliktkultur sein. Voraussetzung dafür ist, dass die Teammitglieder lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu äußern und auszuhandeln.

Baustein "Eine gemeinsame Sprache entwickeln"

Wie kann Kommunikation im Pflegeteam trotz eingeschränkter Sprachfähigkeit gelingen? Der Qualifizierungsbaustein sensibilisiert insbesondere für den Einsatz nonverbaler Kommunikationstechniken, welche dabei helfen können, eine gemeinsame Sprache im Team zu finden. Die Teilnehmenden sollen ein Bewusstsein für Sprachbarrieren und den Umgang mit diesen entwickeln. Sie lernen, ihre Reaktionen auf die Sprache von Teammitgliedern zu überdenken, ihre Haltung gegenüber Mitarbeitenden aus anderen Kulturen zu reflektieren und das eigene Handeln danach auszurichten.

Baustein "Einarbeitung interaktiv gestalten"

Einarbeitung als gemeinsamen Prozess begreifen. Das Qualifizierungsmodul macht den Teilnehmenden die Vorzüge eines vermehrt prozessbegleitenden Zeigens von Arbeitsabläufen bei eingeschränkter Sprachfähigkeit oder einem anderen Pflege- und/oder Arbeitsverständnis bewusst. Der Workshop stellt die Bedeutung von Feedback heraus und vermittelt den Teilnehmenden, dass Mitarbeitende mit einer gelungenen Einarbeitung eine Ressource in der Arbeitsbewältigung darstellen. Nicht zuletzt sensibilisiert das Modul dafür, Einarbeitung dafür zu nutzen, eine Willkommens- und Anerkennungskultur zu leben.

Baustein "Teil des Teams sein"

Den Blick für die Bedeutung des Fremdseins schärfen. Darauf zielt das Modul „Teil des Teams sein“ ab. Im Fokus der Workshops steht die gegenseitig wertschätzende Wahrnehmung und Anerkennung als Person. Die Teilnehmenden nehmen Perspektivwechsel vor, indem sie sich in die jeweils anderen hineinversetzen. Die Bedeutung gemeinsamer Teamzeiten, des gegenseitigen Willkommenheißens sowie des Austauschs untereinander werden in den Mittelpunkt gestellt. Darüber hinaus hat der Baustein zum Ziel, den wechselseitigen Prozess der Integration von zugewanderten Pflegenden in den Teams zu stärken.

Podiumsgespräch

„Chancen und Herausforderungen multikultureller Arbeitsteams in der Pflege“. Zu diesem Thema organisierte die Koordination des IQ Netzwerks Hessen ein Podiumsgespräch mit Vertreterinnen hessischer Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen, der Leitung des Zentrums zur Anwerbung und nachhaltigen Integration internationaler Pflege- und Gesundheitsfachkräfte in Hessen sowie mit den Referentinnen der beiden vorherigen Vorträge.

Gesprächsteilnehmende mit Schlussstatements

Erfahren Sie mehr über die Teilnehmenden des Podiumsgesprächs und ihre Schlussstatements zu der Frage: „Was empfehlen Sie Leitungskräften bei der Integration von Pflegekräften in multikulturelle Teams?“

Anne Fischer

Stellvertretende Pflegedienstdirektorin der Hochtaunus-Kliniken gGmbH (HTK) – Klinik Bad Homburg zum Zeitpunkt des 3. IQ Praxistags Pflege, inzwischen stellvertretende Pflegedirektorin an der Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Frankfurt am Main; Initiierte die Zusammenarbeit zwischen HTK und HessIP im Rahmen des Projekts „TransCareKult“

«Mit der Qualifizierung ausländischer Pflegefachkräfte allein ist es nicht getan. Für eine erfolgreiche Mitarbeiterbindung müssen Bewerberinnen und Bewerber begleitet und geschult werden. Als Leitungskraft ist es wichtig, sensibler hinzuschauen und aufzupassen, dass Pflegekräfte im Anerkennungsverfahren nicht bevorzugt werden. Auch die langjährig Mitarbeitenden müssen Wertschätzung erfahren.»

Christina Gold

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hessischen Institut für Pflegeforschung und gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin; Mitarbeiterin im IQ Teilprojekt TransCareKult seit 2015

«Es ist wichtig, wie in den Einrichtungen über Integration gesprochen wird und ob Integration als wechselseitiger Prozess verstanden wird. Leitungskräfte sollten darüber reflektieren, welche Angebote sie für neue Mitarbeitende aus dem Ausland aber auch für langjährig Mitarbeitende bereitstellen. Eine Schieflage führt zur Vorprägung bei Pflegefachkräften mit langjähriger Erfahrung

Marcus Mossmann

Leitung des Zentrums zur Anwerbung und nachhaltigen Integration internationaler Pflege- und Gesundheitsfachkräfte (ZIP Hessen); Ehemaliger Einrichtungsleiter in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Altenpflege

«Nachhaltige Integration beginnt bei der Anwerbung. Eine offene Kommunikation mit dem Stammpersonal ist wichtig. Die Erwartungen der Leitungsebene, der Stammbelegschaft und der neuen Mitarbeitenden müssen gut abgestimmt werden, um Enttäuschungen zu vermeiden.»

Dr. Maya Stagge

Promovierte Diplom-Gerontologin und Koordinatorin für Altenpflege / Gesundheitswesen bei der F+U Rhein-Main-Neckar gGmbH; Dissertation zu „Multikulturellen Teams in der Altenpflege“

«Organisationen sollten die Herausforderungen, die in einem interkulturellen Setting entstehen können, zunächst anerkennen und ein Bewusstsein dafür schaffen – auch im Sinne der Versorgungsqualität. Den Anforderungen im Arbeitsalltag könnte langfristig produktiver begegnet werden, wenn Leitungskräfte Raum für Teamentwicklung geben und die Dynamiken in multikulturellen Pflegeteams thematisieren.»

Katrin Weiskopf

Pflegedienstleitung im Seniorenzentrum Offenbach, einer Altenpflegeeinrichtung mit stationärem Pflegeangebot, Tagespflege sowie einer angegliederten Altenpflegeschule

«Die Einstellung zum Beruf und die Eignung der Pflegekräfte sind bei der Zusammenarbeit entscheidend. Es ist wichtig hinzuschauen, wo der Mensch mit seiner Persönlichkeit hinpasst. Wir haben keine Willkommenskultur für Personen mit Migrationshintergrund, sondern eine Willkommenskultur für alle Mitarbeitenden.»

Resümee der IQ Praxistage Pflege

Der 3. IQ Praxistag Pflege stellte den dritten und vorerst letzten Teil der „IQ Praxistage Pflege - Impulse für die Integration von ausländischen Pflegefachkräften in Hessen“ dar. Das Veranstaltungsformat wurde von der Koordination des IQ Landesnetzwerks Hessen entwickelt, um den Integrationsprozess in seinen Einzelaspekten zu beleuchten und ihn auf strukturelle, formale und interkulturelle Erfordernisse hin zu betrachten.

In den drei halbtägigen Veranstaltungen wurden am konkreten Fall ausländischer Pflegefachkräfte wichtige Etappen eines erfolgreichen Integrationsprozesses skizziert: die Personalentwicklung und das Integrationsmanagement in den Häusern, die Anerkennung des ausländischen Abschlusses und der Erwerb der deutschen Sprache sowie die tägliche Arbeitssituation in multikulturellen Arbeitsteams.

Die Kombination aus Beiträgen von Expertinnen und Experten, Praxisbeispielen aus dem Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ sowie Situationsbeschreibungen aus dem Arbeitsalltag in Pflegeeinrichtungen ermöglichte einen praxisnahen, wissenschaftlichen und persönlichen Zugang zu der Thematik.

Gleichzeitig schufen die IQ Praxistage Pflege den Rahmen für Begegnung, Austausch und Diskussion zwischen Entscheidungstragenden aus Einrichtungen der stationären Kranken- und Altenpflege und der ambulanten Pflege sowie aus Gesundheits- und Krankenpflegeschulen. Nicht zuletzt diente das Veranstaltungsformat dazu, die durch das Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ fokussierten Themen wie die berufliche Anerkennung von Fachkräften oder die interkulturelle Öffnung von Arbeitsmarktinstitutionen zu platzieren und weiter in der Praxis zu verbreiten.

Fotogalerie

Gesammelte Eindrücke des 3. IQ Praxistags Pflege finden Sie in der Fotogalerie.

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Alle Fotos von Milton Arias

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