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"Es verzahnt sich tatsächlich" - die IQ Prozesskette zur beruflichen Integration am Beispiel Hessen

Von der beruflichen Orientierung im Kontext des Anerkennungsgesetzes über die Beratung und Qualifizierung bis hin zum Zugang in Arbeit - die sogenannte IQ Prozesskette zur beruflichen Integration bildet den idealtypischen Verlauf für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration von Migrantinnen und Migranten ab.

Doch wie funktioniert die IQ Prozesskette in der Praxis, wie sind die Angebote aufeinander abgestimmt und miteinander verzahnt? Wie durchlaufen Ratsuchende die Prozessschritte? Am Beispiel der IQ Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung in Mittelhessen sowie des Projekts "InAquA" - einer Brückenmaßnahme für Personen mit akademischem Studienabschluss in nicht reglementierten Berufen - soll der abstrakte Begriff der Prozesskette heruntergebrochen und deren Funktionsweise in der Praxis aufgezeigt werden.

Abdulmonem Steif, ein 36-jähriger Bauingenieur aus Syrien, kam Ende 2014 ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland. Er besuchte zwei berufsbezogene Sprachkurse und absolvierte ein Praktikum in einem kleinen Ingenieurbüro.

Klassischer Einstieg in die IQ Prozesskette über die Anerkennungsberatung

Üblicherweise münden Migrantinnen und Migranten in die IQ Prozesskette über die Anerkennungsberatung ein, die in Hessen in jedem Landkreis bei den Agenturen für Arbeit angesiedelt ist - mit Ausnahme der Erstberatungsstelle in Wiesbaden beim Amt für Zuwanderung und Integration.

Im Beratungsgespräch wird geklärt, ob eine Anerkennung im Einzelfall erforderlich ist. Dies ist bei Personen in reglementierten Berufen der Fall, die sich ihren Abschluss zur Berufsausübung in Deutschland anerkennen lassen müssen. Doch auch Migrantinnen und Migranten mit ausländischem Studienabschluss im nicht reglementierten Bereich kommen in die Beratung. Zwar benötigen sie keine Anerkennung, doch kann eine individuelle Zeugnisbewertung durch die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB) sinnvoll sein, um Arbeitgebern die Einordnung der ausländischen Qualifikation zu erleichtern.

Im Falle von Ingenieurinnen und Ingenieuren berechtigt die Zeugnisbewertung allerdings nicht zum Führen der deutschen Berufsbezeichnung "Ingenieur/Ingenieurin", da diese in Deutschland reglementiert ist. Um die Berufsbezeichnung benutzen zu dürfen, ist eine Gleichwertigkeitsbescheinigung durch die Ingenieurkammer Hessen erforderlich.

Verweisberatung innerhalb des IQ Netzwerks Hessen

In der IQ Anerkennungsberatung werden Ratsuchende von der Beraterin bzw. dem Berater Schritt für Schritt während des Anerkennungsverfahrens begleitet. Befindet sich eine Person im Anerkennungsprozess, kann eine anschließende Qualifizierungsberatung sinnvoll sein - zum Beispiel, um sich im Gespräch den Gleichwertigkeitsbescheid oder die Zeugnisbewertung erläutern zu lassen.

Erklären sich die Ratsuchenden einverstanden, leitet die Anerkennungsberaterin bzw. der -berater die Daten unter Wahrung der datenschutzrechtlichen Vorschriften an die Qualifizierungsberatung weiter. Der Vorteil: Die Qualifizierungsberaterin bzw. der -berater kommt nach einem anfänglichen Erstkontakt nach drei bis vier Monaten auf die ratsuchende Person zu und erkundigt sich nach dem Stand des Bescheids bzw. der Zeugnisbewertung.

In einem persönlichen Gespräch kann gemeinsam über nächste Qualifizierungsschritte reflektiert und an bestehende Ausgleichsmaßnahmen oder Qualifizierungsangebote angeknüpft werden. Mit Einwilligung des Ratsuchenden erfolgt in einem nächsten Schritt die Zuleitung an die entsprechende IQ Qualifizierungsstelle. Auf diese Weise erhalten Migrantinnen und Migranten ein an ihren Bedarfen ausgerichtetes Unterstützungsangebot, das sie auf ihrem Weg zur Arbeitsmarktintegration unterstützt.

Das Beispiel von Abdulmonem Steif macht deutlich, dass Migrantinnen und Migranten nicht zwingend über die Anerkennungsberatung in die IQ Prozesskette einmünden müssen. Teilprozesse können übersprungen oder in anderer Reihenfolge durchlaufen werden. Der Bauingenieur aus Syrien organisierte beispielsweise die Anerkennung seiner Ingenieurqualifikation selbstständig und mündete direkt in die IQ Qualifizierungsberatung ein, da er keine qualifizierte Arbeit finden konnte.

Unterstützung auf dem Qualifizierungsweg durch die IQ Qualifizierungsberatung

Die Qualifizierungsberatung des IQ Netzwerks Hessens wird in Mittelhessen durch den Bildungsträger ZAUG angeboten und findet in den Räumlichkeiten der Agentur für Arbeit an den Standorten Gießen, Wetzlar, Marburg, Limburg, Lauterbach und Friedberg statt.

In der Beratung legt Abdulmonem Steif seinen Weiterbildungsbedarf dar und erfährt zunächst von der IQ Brückenmaßnahme "InAquA" des Internationalen Bund am Standort Wetzlar. Die Qualifizierung hilft Akademikerinnen und Akademikern aus nicht reglementierten Berufen, sich auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland zu positionieren - eine Möglichkeit für den 36-Jährigen, seine Chancen auf eine Beschäftigung als Bauingenieur zu erhöhen. Mit seiner Erlaubnis vermittelt ihn die Qualifizierungsberaterin an das IQ Qualifizierungsprojekt.

„Während meiner Suche habe ich gelernt, dass es viele Softwareprogramme für Ingenieure nur in Deutschland gibt. In Syrien oder im Mittleren Osten kann ich ein internationales Programm wie AutoCAD herunterladen. Wenn ich ein Programm in Deutschland brauche, muss ich es kaufen. Das ist ein Problem", erklärt Abdulmonem Steif.

Arbeitsteilige Zusammenarbeit lokaler Akteure im IQ Netzwerk Hessen

Um diesem fachlichen Qualifizierungsbedarf von Abdulmonem Steif zu begegnen, recherchiert Qualifizierungsberaterin Sylke Trense zusätzlich nach passenden Qualifizierungswegen: "Mein Rechercheauftrag, den ich anbiete, ist es dann nach Kursen zu gucken und den Teilnehmenden eine Rückmeldung geben. Wenn es für sie in Ordnung ist, setze ich InAquA gleich in CC. So geht dann der Informationsfluss weiter. Es verzahnt sich tatsächlich."

Auf diese Weise konnte Abdulmonem Steif letztlich die Teilnahme an der Qualifizierung "Kostenermittlung, AVA und HOAI im Bauwesen" ermöglicht werden. Den Kurs absolvierte er im Rahmen von InAquA - ein Beispiel für eine arbeitsteilige Zusammenarbeit lokaler Akteure innerhalb des IQ Netzwerks Hessen.

Übergang in Beschäftigung: IQ als "Brücke zwischen Unternehmen und Teilnehmenden"

Um Migrantinnen und Migranten den Übergang in eine bildungsadäquate Beschäftigung zu erleichtern, sieht die IQ Prozesskette ferner Unterstützungsangebote zum Einstieg in den erlernten Beruf vor. So bietet auch die IQ Brückenmaßnahme des Internationalen Bunds für die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer eine Einstiegsbegleitung auf freiwilliger Basis an: "Wenn die Teilnehmenden ein Praktikum oder eine Arbeitsstelle haben, [besteht die Möglichkeit], dass wir am Anfang im Kontakt bleiben. Zum Beispiel wenn sie die Aufgabe bekommen, eine Präsentation zu halten oder sich selbst vorzustellen - dass wir das nochmal sprachlich vorbereiten", erläutert Lisa Rhein, Mitarbeiterin von InAquA am Standort Wetzlar.

Vernetzung mit lokalen Ansprechpartnern als Grundlage für die Zuleitung an IQ

Damit die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten in den Arbeitsmarkt gelingt, bedarf es nicht nur einer Verzahnung der IQ Angebote, sondern auch einer Vernetzung mit lokalen Ansprechpartnerinnen und -partnern. Auch Qualifizierungsberaterin Sylke Trense unterstreicht die unterschiedlichen Zugangswege zu IQ: "Das hat auch damit zu tun, dass die Anerkennungsberatung eng mit Jobcenter und Agentur zusammenarbeitet und manchmal die persönlichen Ansprechpartner des Jobcenters selbst auf die Idee kommen: Derjenige muss in die Qualifizierungsberatung. […] Die Kette hat dann sozusagen nicht innerhalb von IQ funktioniert, sondern über den Multiplikator - durch die Vernetzung also. Und die ist durch die Anerkennungsberatung gut angelaufen."

Passgenaue Unterstützung durch Bündelung von Kompetenzen

Dass letztlich die individuellen Voraussetzungen und Bedürfnisse darüber entscheiden, welche Integrationsangebote sinnvoll und zielführend sind, vermochte das Beispiel von Abdulmonem Steif zu zeigen. Um Migrantinnen und Migranten eine passgenaue Unterstützung bei der beruflichen Integration in den Arbeitsmarkt bieten zu können, ist daher eine Bündelung und Verknüpfung der Kompetenzen verschiedener Akteure erforderlich.

Der Fall des 36-Jährigen verdeutlicht zugleich, dass aufseiten der Arbeitgeber nach wie vor Vorbehalte in Bezug auf die Beschäftigung von Migrantinnen und Migranten existieren. Trotz siebenjähriger Berufserfahrung ist es Abdulmonem Steif bislang nicht gelungen, eine Arbeit als Bauingenieur in Deutschland zu finden. Durch die Brückenmaßnahme InAquA und die anschließende fachliche Weiterbildung schärfte er aber sein Profil und erhöhte die Chance auf eine qualifizierte Arbeit. Ein erstes Erfolgserlebnis konnte er bereits verbuchen: In den vergangenen Wochen erhielt er mehrere Einladungen zu Bewerbungsgesprächen - und hofft nun auf eine Zusage.

Damit die berufliche Integration in den Arbeitsmarkt gelingt, gilt es weiterhin, den Blick von Unternehmen für die Potenziale von Migrantinnen und Migranten zu schärfen und Diskriminierungen abzubauen - ein Ziel, dem sich mehrere Projekte im IQ Netzwerk Hessen mit ihrem Angebot zur interkulturellen Kompetenzentwicklung für Arbeitsmarktakteure verschrieben haben.

Bildnachweise: IQ Netzwerk Hessen

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