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Interview mit Dr. Martin Niederauer

Diakonie Hessen - Diakonisches Werk in Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck e.V.

Dr. Martin Niederauer ist Referent für Personalentwicklung und Fachkraftgewinnung bei der Diakonie Hessen. Seit 2018 berät und unterstützt er diakonische Pflegeeinrichtungen u.a. bei der Anwerbung ausländischer Pflegefachkräfte. Im Interview spricht er darüber, wie die Zusammenarbeit mit der „IQ Servicestelle – Internationale Fachkräfte in der Pflege“ aussieht und an welchen Stellen sie ihn in seiner Tätigkeit beim größten Wohlfahrtsverband Hessens bereits unterstützt hat.

Herr Dr. Niederauer, die Fachkräftesicherung in der Pflege ist in aller Munde. Die Pandemie hat noch einmal deutlicher gemacht, wie wichtig die Pflegefachkräfte für die Gesellschaft sind. Immer mehr Unternehmen der Pflegebranche werben Fachkräfte im Ausland an. Wie blicken Sie auf das Thema als Referent für Fachkraftsicherung bei der Diakonie Hessen und wie hat Sie die IQ Servicestelle Pflege bei Ihrer Arbeit unterstützt?

Dr. Martin Niederauer: Die internationale Anwerbung von Pflegefachkräften stellt für mich die letzte Möglichkeit der Personalgewinnung dar. Sie kommt dann ins Spiel, wenn alle sonstigen Maßnahmen ausgeschöpft sind. An erster Stelle steht nach wie vor die Ausbildung junger Menschen. Aber klar, aufgrund des Fachkräftemangels gewinnt die Anwerbung auch bei unseren Mitgliedern an Relevanz, zunehmend bei Trägern der stationären Altenhilfe und vereinzelt auch in der ambulanten Pflege. Entsprechend versorgen wir unsere Mitglieder mit den notwendigen Informationen und unterstützen sie bei der Planung.

Das beginnt bei der Überlegung, ob Anwerben überhaupt die richtige Maßnahme zur Personalgewinnung ist oder mit welchen Partnern und aus welchen Ländern man anwerben möchte. Für unsere Mitglieder ist zudem wichtig, ein fundiertes Wissen über rechtliche Grundlagen und Voraussetzungen bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse zu generieren. Gerade bei diesen Fragen waren wir in der Vergangenheit sehr froh, mit der IQ Servicestelle Pflege eine kompetente Beratungsstelle an unserer Seite zu wissen. 

Wie offen sind Ihre Mitgliedseinrichtungen für das Thema und welche Fragen und Herausforderungen stellen sich den Einrichtungen im Zusammenhang mit der Anwerbung internationaler Pflegefachkräfte?

Dr. Martin Niederauer: Manche Träger werben bereits seit Jahren Pflegefachkräfte an, andere stehen noch ganz am Anfang. Von daher ist der Kenntnisstand sehr unterschiedlich. Zudem laufen Anwerbungen bekanntlich nicht nach einem festen Schema ab. Jeder Schritt ist planungsintensiv und der Verlauf hängt von vielen Faktoren ab, die die Einrichtungen nicht immer beeinflussen können. Infobroschüren und Merkzettel geben zwar wichtige Hinweise. Jedoch zeigt sich immer wieder der Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung. Alle Grundlagen, Verfahren und Voraussetzungen zu kennen, reicht nicht aus. Spätestens bei der Anerkennung und der Anpassungsqualifizierung haben wir es mit Einzelfallentscheidungen zu tun und da ist Erfahrung gefragt, um die Herausforderungen souverän zu meistern. Deshalb bieten wir regelmäßig Informationsveranstaltungen an, u.a. in Kooperation mit dem IQ Landesnetzwerk Hessen, und fördern den Wissenstransfer unter unseren Mitgliedern.

Die Thematik der Anwerbung internationaler Pflegefachkräfte gewinnt in letzter Zeit, z.B. durch immer neue Gesetze und Initiativen, enorm an Dynamik. Wo sehen Sie Chancen für die Unternehmen und wo gibt es aus Ihrer Sicht vielleicht noch Lücken im System?

Dr. Martin Niederauer: Für uns als Diakonie Hessen hat eine ethische Anwerbung oberste Priorität. Den WHO Kodex gilt es einzuhalten, alle Beteiligten müssen mit größtmöglicher Transparenz vorgehen. Zudem muss der Fokus mehr auf den angeworbenen Pflegefachkräften liegen. Risiken, die mit einer Arbeitsmigration einhergehen können, müssen weitestgehend minimiert werden. Von daher begrüßen wir die Einführung des Gütesiegels „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“. Mit ihm werden für anwerbende Agenturen zum ersten Mal verbindliche Kriterien für eine ethische Anwerbung festgelegt, die auch überprüft werden können. Pflegefachkräfte, Träger und Einrichtungen können sich also zukünftig daran orientieren, welche Personalvermittlungsagenturen das Siegel tragen. Das ist ein wichtiger Schritt. Ebenso sollten Projekte ausgebaut werden, die den „Triple-Win“-Gedanken verfolgen und einen nachhaltigen, gleichberechtigten Austausch zwischen Ziel- und Herkunftsland fördern.

Speziell in Hessen müssen jedoch zügig die Möglichkeiten für Anpassungsqualifizierungen ausgebaut werden. Gerade aufgrund der steigenden Antragszahlen reichen die vorhandenen Kapazitäten schon lange nicht mehr aus. Nach wie vor dürfen Kenntnisprüfungen und Anpassungslehrgänge nur in Krankenhäusern bzw. von ehemaligen Krankenpflegeschulen angeboten werden. Als Diakonie Hessen setzen wir uns auf Landesebene dafür ein, dass auch Träger der stationären Altenhilfe sowie ehemalige Altenpflegeschulen Anpassungsqualifizierungen durchführen dürfen. Damit würden die Kapazitäten spürbar ausgebaut und die Kompetenzen der Altenpflege genutzt. Auch im Zuge der Generalistik ist dieser Schritt überfällig. Zu diesem Ziel befinden wir uns auch mit der IQ Servicestelle Pflege im Austausch.

Herr Dr. Niederauer, wie wichtig ist ein stabiles Netzwerk aus Kooperationspartner*innen für Ihre Arbeit und in welchen Bereichen halten Sie eine Kooperation mit der Servicestelle Pflege und anderen Projekten des IQ Netzwerks Hessen zukünftig für hilfreich?

Dr. Martin Niederauer: Wichtig sind vor allem nachhaltige Kooperationen mit zuverlässigen Partnern, die den gleichen ethischen Anspruch vertreten. Zudem ist Anwerben ein sehr komplexes Thema, mit vielen Zuständigkeiten, rechtlichen Bestimmungen und betrieblichen Voraussetzungen, bei dem sich immer wieder etwas ändert. Ohne eine systematische, breite Vernetzung von Verband, Trägern, Einrichtungen und Expert*innen kommt man nicht weit. Hierbei setzen wir auch weiter auf eine gute Zusammenarbeit mit dem IQ Netzwerk Hessen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Martin Niederauer. Wir freuen uns, wenn wir Sie mit den Angeboten des IQ Netzwerks Hessen auch in Zukunft unterstützen können.


Das Interview führte Heike Blumenauer, Projektleitung der „IQ Servicestelle - Internationale Fachkräfte in der Pflege" des IQ Netzwerks Hessen bei INBAS im August 2021.

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Über die IQ Servicestelle Pflege

Die „IQ Servicestelle - Internationale Fachkräfte in der Pflege“ analysiert den Einwanderungsprozess internationaler Pflegefachkräfte. Sie identifiziert Hürden

  • bei der Anwerbung oder Einreise nach Deutschland,
  • bei der beruflichen Anerkennung und
  • bei der Integration in Arbeit.

Relevante Akteur*innen  –  darunter neben Betrieben auch Wohlfahrtsverbände – werden beraten und miteinander vernetzt mit dem Ziel, den Einwanderungsprozess der internationalen Pflegefachkräfte zu verbessern. Ein Fokus der IQ Servicestelle Pflege liegt auf der Struktur der Anpassungsqualifizierungen (Kenntnisprüfungen und Anpassungslehrgänge) für internationale Pflegefachkräfte in Hessen.


Foto: STORCH